Unternehmertum im Kapitalismus

Ludwig von Mises (1881-1973) stellte seine Arbeit über „Profit and Loss“ auf der vierten Sitzung der Mont Pelerin Gesellschaft vor, die vom 9. bis 16. September 1951 in Beauvallon, Frankreich, stattfand. Der Aufsatz wurde später in die Sammlung „Planning for Freedom“ (South Holland, Ill.: Libertarian Press, 1952) aufgenommen und ist als Einzelausgabe beim Ludwig von Mises Institute (Auburn 2008) als Broschüre und online verfügbar.

Mises teilt seinen Aufsatz in drei Teile. Der erste Teil behandelt die „ökonomische Natur“ von Gewinn und Verlust; der zweite Teil beschäftigt sich mit der „Verurteilung“ bzw. Verdammung des Gewinns, während der dritte Teil „die Alternative“ untersucht. Im ersten Teil beschäftigt sich Mises mit der „Emergenz“ von Gewinn und Verlust. Er weist darauf hin, dass in einer kapitalistischen Wirtschaft zwar die Unternehmer den Verlauf der Produktion bestimmen, der endgültige Richter über Erfolg oder Misserfolg aber in Gestalt des souveränen Konsumenten besteht. Deshalb liegt in einer Marktwirtschaft die letzte Entscheidung darüber, was produziert wird, in der Hand der Verbraucher. Dem Unternehmer kommt die Rolle zu, die Produktion so zu lenken, dass die jeweils dringendsten Bedürfnisse der Verbraucher bevorzugt bedient werden. Diejenigen Unternehmer, die die Wünsche der Verbraucher am besten erfüllen, erzielen Gewinne, während die ineffizienten Unternehmer Verlust erleiden und letztlich vom Markt verschwinden.

Wenn alle Marktteilnehmer die Zukunft richtig vorhersehen könnten, würden weder Gewinn noch Verlust entstehen. Unter der Annahme, dass alle Unternehmer die Zukunft richtig beurteilen, würden alle Preise in der Wirtschaft zu jedem aktuellen Zeitpunkt schon die zukünftigen Preise widerspiegeln und so weder Gewinn noch Verlust eintreten. Profit entsteht für den Unternehmer, der besser als sein Konkurrent die zukünftigen Preise antizipieren kann. Auf diese Weise kann dieser Unternehmer die Produktionsfaktoren heute zu einem Preis erwerben, der die zukünftigen Preise des Produktes noch nicht vollständig wiedergibt. Ein solcher Unternehmer kauft die Produktionsfaktoren zu Preisen, die als Kosten zu einem Niveau eingehen, das unter den zukünftigen Einnahmen liegt und so einen wirtschaftlichen Gewinn erzeugt. Gewinne und Verluste sind ständig in einer Marktwirtschaft präsent. Sie entstehen, solange wie die Wirtschaft sich wandelt.

Gewinn im volkswirtschaftlichen Sinn muss von den anderen Arten des Erlöses unterschieden werden. Der Gewinn ist nur ein Teil des Gesamteinkommens. Um Gewinne von anderen Formen der Einnahmen zu unterscheiden, sind Zinsen auf das eingesetzte Kapital auszuschließen und ebenso der „Quasi-Lohn“ der Arbeit des Unternehmers. Man muss auch scharf zwischen „unternehmerischem Handeln“ und „technologischer Innovation“ unterscheiden.

Die wesentliche Funktion eines Unternehmers ist die Beseitigung von Fehlanpassungen in der Wirtschaft. Zu diesem Zweck besteht unternehmerische Tätigkeit in der Nutzung von Technologien, die noch nicht vollständig zugunsten der Verbraucher genutzt werden. Die Reaktion auf die Veränderung der Daten als Ergebnis des Nachfragewandels stellt einen weiteren Bereich der unternehmerischen Aktivitäten dar. Unternehmerische Tätigkeit besteht nicht darin, die Produktion einfach durch Kapitalakkumulation zu vermehren. Unternehmerisches Handeln bezieht mit ein, aus der Vielzahl der technologischen Möglichkeiten auszuwählen. Stets geht es dabei darum, die Bedürfnisse der Verbraucher bestmöglich zu befriedigen. In einer Markwirtschaft besteht die Funktion des Gewinns darin, als Anreiz für ein Handeln zu dienen, das zu allererst die Bedürfnisse der Verbraucher im Auge hat.

Unternehmer ist nicht dasselbe wie Erfinder oder Manager. Das ökonomische Problem ist nicht nur die Produktion, sondern es geht darum, die Produktion in einer Weise zu bewerkstelligen, dass zuerst die dringendsten Bedürfnisse der Verbraucher jeweils zum Zuge kommen. Es ist die Aufgabe des Unternehmers, die Wirtschaft in diesem Sinne zu lenken.

Non-Profit-Organisationen stehen außerhalb dieses Kontextes der Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen zugunsten der jeweils dringendsten Bedürfnisse. Die meisten öffentlichen Wirtschaftseinheiten arbeiten auf der Grundlage eines vorgegebenen Budgets, das ihnen das verfügbare Kapital zuweist. Die Regierungstätigkeit im Allgemeinen ist grundsätzlich von der Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse der Bürger entkoppelt. Schließlich ist es Kennzeichen der Regierung, dass sie auf Zwang und Unterdrückung durch den Polizeiapparat zurückgreifen kann, um ihre Maßnahmen durchzusetzen. Regierungstätigkeit hat keinen Marktpreis. Es gibt im öffentlichen Sektor keine echte Wirtschaftlichkeitsrechnung, sondern nur eine Kostenrechnung. Regierungstätigkeit unterliegt nicht dem unternehmerischen Handeln, sondern dem bürokratischen Management. Als gemeinnützige Organisationen sind staatliche Unternehmen für sich selbst souverän und ihr Tätigkeitsbereich ist im Wesentlichen durch die Höhe des zur Verfügung stehenden Kapitals und nicht durch die Wünsche der Öffentlichkeit oder der Verbraucher bestimmt.

Auf dem Markt findet aufgrund der Kaufentscheidungen der Öffentlichkeit eine permanente Volksabstimmung statt. Durch den Kauf und durch den Verzicht auf Kauf bestimmen die Verbraucher, wer tatsächlich Eigner der Produktionsfaktoren ist. In einer funktionierenden Marktwirtschaft herrschen nicht de jure Eigentümer, sondern de facto sind die Verbraucher Eigentümer des Kapitals in der Wirtschaft.

Die Entscheidungen der Verbraucher sind experimentell. Der Marktprozess besteht in einem ständigen Experiment, wobei die Verbraucher ihre früheren Entscheidungen überarbeiten und neue Wünsche formulieren. Eine demokratische Entscheidung in der Politik hingegen ist in der Regel den wirtschaftlichen Entscheidungen der Bevölkerung auf dem Markt unterlegen. Während die meisten Kaufentscheidung eine Korrektur zulassen, haben politische Entscheidungen oft langfristig nicht mehr zu korrigierende Konsequenzen. Je mehr Staat in einer Gesellschaft herrscht, umso mehr kommt es zu solchen Zwangläufigkeiten.

Gewinn und Verlust entstammen nicht der Leistung des Kapitals, sondern sind Folge von Ideen im Hinblick auf die Nutzung des Kapitals. Kapital an sich ist ein totes Ding. Die marxistische These, dass es „das Kapital“ sei, das den Gewinn „erzeugt“, hat keine Grundlage. Gewinne resultieren aus guten Ideen und ihrer unternehmerischen Umsetzung. Profit ist ein Produkt des Geistes. Unternehmerischer Erfolg besteht in der Vorwegnahme des zukünftigen Zustands des Marktes. Für Mises ist Gewinn „ein geistiges und intellektuelles Phänomen“ (S. 21).

Gewinne entstehen, wenn Fehlanpassungen durch unternehmerisches Handeln beseitigt werden. Je größer die Fehlanpassung, desto größer ist das Potenzial der Gewinne. Deshalb gibt es gibt keinen „normalen“ und ebenso wenig einen „außergewöhnlichen“ Gewinn. Hohe Gewinne kommen zustande, wenn starke Marktverzerrungen korrigiert werden. Nachdem diese Mängel behoben sind, verschwinden die hohen Gewinne wieder. Soweit es keine Kriterien für die Schaffung „normaler Gewinne“ gibt, gibt es auch keine Grundlage, um „übermäßige Gewinne“ zu verurteilen. Besteuerung sogenannter übermäßiger Gewinne bedeutet vielmehr, Erfolg im Dienst der Öffentlichkeit zu bestrafen. Derartige Abgaben treiben die Wirtschaftstätigkeit dazu, Fehlinvestition zu tätigen und bestehende Fehlanpassungen zu belassen.

Es ist ein grundlegender Irrtum davon auszugehen, dass der Gewinn eine Art Aufschlag zu den Produktionskosten wäre. Diese so genannte „mark-up-Theorie der Preise“ hat sich in den Verwaltungen zu Zeiten der Kriegswirtschaft während der beiden Weltkriege herausgebildet. Indem die Behörden die Preise als Aufschlag für die Gewinne auf die Kosten bestimmen, schafft die Bürokratie tatsächlich den Anreiz dazu, die Kosten künstlich hochzutreiben.

Der reine Kapitalismus macht diejenigen Unternehmer wohlhabend, die das Kapital auf die bestmögliche Weise zur Zufriedenheit der Öffentlichkeit einsetzen. Der Reichtum eines reichen Kapitalisten ist das Ergebnis von hohen Gewinnen, und diese wiederum sind das Ergebnis einer außergewöhnlichen Voraussicht und der Verwendung des Kapitals zugunsten der Bedürfnisse der Massen. „Gewinne und Verluste sind Instrumente, durch die die Verbraucher die Richtung der Produktionstätigkeiten in die Hände derjenigen überführen, die am besten für sie geeignet sind“ erklärt Mises (S. 24). Um Reichtum anzuhäufen, muss der erfolgreiche Unternehmer sein Kapital reinvestieren: er muss sparen. Um ein kleines Unternehmen in ein großes zu verwandeln, ist Kapitalakkumulation vonnöten, das heißt Sparen in Form der Re-Investition der Gewinne.

In einer stationären Wirtschaft entspricht die Gewinnsumme eines Teils der Unternehmer dem Gesamtbetrag der Verluste, die andere Unternehmer erlitten haben. Nur in einer fortschreitenden Wirtschaft ist die Summe aller in der gesamten Wirtschaft erzielten Gewinne höher als die Summe aller erlittenen Verluste. In einer solchen Wirtschaft steigt das Kapital pro Kopf. Dieser Zuwachs kommt durch Investition der Sparsummen zustande. Der in Folge gegebene höhere Kapitalstandard erlaubt dann die Verfolgung von Projekten, die früher unerreichbar waren.

Die Vorteile der höheren Kapitalbildung, die mit einer fortschreitenden Wirtschaft kommt, sind nicht auf Sparer und Unternehmer beschränkt. Durch die Erhöhung der Grenzproduktivität der Arbeit werden die Lohnsätze steigen. Während der Überschuss der Gewinne zugunsten der Unternehmer mit dem Verschwinden der Fehlanpassung verschwinden wird, bleibt die Zunahme des Lebensstandards bei den Verbrauchern.

Der Volksglaube ist falsch, dass Gewinne durch die Minderung des Einkommens der Arbeitnehmer entstehen. Was den wirtschaftlichen Fortschritt bewirkt, ist die Ersparnis, die zusätzliches Kapital schafft. Mehr Kapital ermöglicht technologische Innovationen, die die Produktivität steigern und zu einem höheren Lebensstandard führen. Die Arbeitnehmer profitieren vom unternehmerischen Handeln und von denen, die sparen.

Die Verurteilung der Gewinne ergibt sich aus der falschen Annahme, dass der unternehmerische Gewinn durch Ausbeutung der Arbeitnehmer und Kunden entsteht. Durch die Abschaffung von Profit und Unternehmer, so behaupten die Sozialisten, könnten die Löhne höher und die Preise niedriger sein. Dies ist die Grundidee, die zum Anspruch des „Rechtes auf das gesamte Arbeitszeugnis“ und der marxistischen Ausbeutungslehre führt. Wenn aber der Gewinn verschwindet, verschwindet als Folge die Kapitalakkumulation. Für neue Produktionszweige und für die Allokation von Kapital in Zweige, wo die Nachfrage steigt, würde kein neues Kapital zur Verfügung stehen. Mit der Abschaffung der Gewinne würden also die Innovation und eine effiziente Kapitalakkumulation aufhören.

Antiprofit-Politiken sind das Ergebnis eines fehlerhaften Verständnisses darüber, wie Märkte funktionieren. Derartige gewinnfeindliche Politiken resultieren aus der Annahme, dass Unternehmen Macht hätten und dass sie diese Macht missbrauchen würden. Die Befürworter dieser Politik sehen nicht, dass es genau das Profitmotiv ist, das den Unternehmer dazu zwingt, Kapital zugunsten der Verbraucher anzuwenden und Güter und Dienstleistungen effizient zu liefern. In einer Marktwirtschaft existieren große Unternehmen nur soweit wie sie für den Verbraucher besser gerüstet sind als kleinere Unternehmen. Die Entstehung von Gewinn ist ein Test, dass das Unternehmen effizient arbeitet und dass sein Produkt nützlich ist und den Vorlieben der Verbraucher gerecht wird.

Es ist ein allgemeiner Fehler anzunehmen, dass Geschäftsführung einfach Verwaltung und Produktion sei. Bloße Mühe und Routine reichen nicht aus, um die Wirtschaft voranzutreiben. Es ist vielmehr unternehmerische Voraussicht erforderlich, um das Kapital zu den dringlichsten Bedürfnissen hinzulenken so wie sie in jedem Augenblick neu entstehen. Mises erinnert daran (S. 40), dass der sowjetische Revolutionär Lenin seine grobe Unwissenheit über die Geschäftswelt offenbart, wenn er erklärt, dass die Kontrolle der Produktion und des Vertriebs eine Aufgabe sei, die leicht durch den „bewaffneten Arbeiter“ erreicht werden könne. Für Lenin ist Geschäftsführung so einfach, dass sie grundsätzlich „nicht mehr erfordert als Aufsicht und Registrierung“ – eine Aufgabe, die jedem zugeteilt werden kann, der „die ersten vier Regeln der Arithmetik beherrscht und lesen und schreiben kann“ (zitiert nach Lenin, Staat und Revolution, International Publishers: New York 1917, S. 83-84).

Mises weist darauf hin, dass sich die Menschen dem Kommunismus, Sozialismus, Faschismus und dem Interventionismus vor allem aus Unwissenheit zuwenden. Oft ist die Mehrheit deshalb für eine falsche Politik, weil es an Verständnis und Weisheit mangelt. „Nicht Armut ist die Quelle des Sozialismus“, so Mises, „sondern falsche ideologische Vorurteile“ (S. 46). Diese Unwissenheit darüber, wie Marktwirtschaft tatsächlich funktioniert, ist dann die Ursache für die falschen moralischen Urteile. Dabei ist der Kapitalismus das ökonomische System, das für die Massen am besten geeignet ist.

Weder Unternehmer noch Konsumenten sind allerdings perfekt. Was die Marktwirtschaft von anderen Formen der Wirtschaftsorganisation jedoch unterscheidet, ist ihre innere Fähigkeit zur Korrektur und zur Innovation. Märkte sind nicht vollkommen, und die kapitalistische Produktion kann nicht jedes Bedürfnis aller erfüllen. Das Marktsystem beseitigt nicht die Knappheit. Dies kann kein Wirtschaftssystem. Aber das Marktsystem ist die Form der Wirtschaftsordnung, die am besten mit dem universellen Vorhandensein von Knappheit umgehen kann.

Antony Mueller ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler und Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS, wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. 24.10.2016 – Gedanken zu einem Essay von Ludwig von Mises aus dem Jahr 1951 über „Gewinn und Verlust“.
Dr. Antony P. Mueller, Universität Erlangen-Nürnberg